Buser, MatthiasMatthiasBuserNagel, SiegfriedSiegfriedNagel2024-10-302024-10-302021https://boris-portal.unibe.ch/handle/20.500.12422/187493Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund (MMH) durch Sportvereine spielt in integrationspolitischen Debatten und im Selbstverständnis von Sportverbänden eine wichtige Rolle. Insbesondere Fussballvereinen gelingt es, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund als aktive Mitglieder zu gewinnen. Die reine Mitgliedschaft sagt aber noch nichts über die Qualität der Einbindung im Verein aus. Das Projekt «Soziale Integration in Schweizer Fussballvereinen» fragt deshalb (1) nach der sozialen Integration von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund im Verein und damit verbundenen relevanten Faktoren sowie (2) nach integrationsförderlichen Initiativen und dafür relevanten Entstehungsbedingungen in den Vereinen. Die Studie folgt einem pluralistischen Verständnis von Integration, welches wechselseitige Anpassungen aller Akteure betont. Soziale Integration wird dabei nach Hartmut Esser (2009) als die Einbindung von Mitgliedern in Fussballvereinen konzeptualisiert, wobei die vier interdependenten Integrationsdimensionen Identifikation, Interaktion, Platzierung und Kulturation unterschieden werden. Es wird angenommen, dass für die soziale Integration von Vereinsmitgliedern sowie für die Entstehung von integrationsförderlichen Bemühungen der Vereine sowohl individuelle Merkmale der Mitglieder wie auch die Strukturen der Teams (z.B. Teamklima) und der Vereine (z.B. Vereinsziele) relevant sind. Die Studie basiert auf qualitativen und quantitativen Daten und berücksichtigt Aussagen von zentralen Funktionär:innen sowie Vereinsmitgliedern mit und ohne Migrationshintergrund. Die quantitative Teilstudie basiert auf Daten aus 42 Schweizer Fussballvereinen in der Deutsch- und Westschweiz, 145 Teams sowie 1839 Vereinsmitgliedern. Die qualitative Teilstudie basiert auf 11 Fokusgruppeninterviews mit 22 MMH zur sozialen Integration im Verein und in die Gesellschaft sowie auf 18 Fallstudien mit insgesamt 44 Experteninterviews zur Entstehung und Umsetzung von integrativen Bemühungen in den Vereinen. Dabei wurde auch das Projekt «Together – Fussball vereint» beleuchtet. Die Daten verweisen auf eine hohe Vielfalt in den Fussballvereinen. MMH aller Einwanderungsgenerationen und unterschiedlichster Herkunft finden den Weg in die Vereine. Auch die Vereine zeichnen sich durch eine hohe Vielfalt aus. Angesichts dieser Vielfalt ist festzuhalten, dass Handlungsempfehlungen nicht pauschal für alle Mitglieder und Vereine gelten können. Insgesamt zeigt sich eine hohe soziale Integration aller Vereinsmitglieder, und zwar unabhängig von der Migrationsgeneration. Fussballvereinsmitglieder sind in gelingende Beziehungen eingebunden (Interaktion), wissen über zentrale Normen und Gewohnheiten in den Vereinen Bescheid (Kulturation) und identifizieren sich stark mit dem Verein (Identifikation). Die Einbindung in vereinspolitische Prozesse (Platzierung) fällt hingegen weniger stark aus. Wie bei Mitgliedern im Allgemeinen gelingt auch die soziale Integration von Frauen (mit Migrationshintergrund). Jedoch finden gerade Frauen, die selbst in die Schweiz eingewandert sind, selten den Weg in die Vereine. Den Sprachfähigkeiten, der individuellen Vereinsbiografie und der Geselligkeit in den Vereinen kommt eine hohe Bedeutung für die soziale Integration zu. Gerade in den Teams werden vielfältige soziale Beziehungen aufgebaut, welche oft als soziales Netzwerk über den Verein hinausreichen. Viele Personen berichten von der Teilnahme an geselligen Anlässen und ausgeprägte gesellige Strukturen wie beispielsweise Teamanlässe, regelmässiges Zusammensitzen nach Trainings oder ein entspanntes Teamklima sind verbunden mit mehr sozialer Integration aller Mitglieder. Sprachbarrieren werden zwar kaum als Hindernisse zur Teilnahme am Training beschrieben, jedoch verhindern sie die Teilnahme an den geselligen Interaktionsgelegenheiten. Viele Personen berichten davon, durch den Verein die Sprachfähigkeiten verbessert zu haben. Mitglieder, welche lange im Verein sind, ein 3 Ehrenamt ausüben und sich im Verein wohl fühlen, sind stärker im Verein integriert. MMH weisen jedoch kürzere Mitgliedschaftsdauern auf und sind seltener in Ehrenämter eingebunden. MMH sind ausserdem deutlich öfter von Diskriminierung im Verein betroffen. Jedes zehnte immigrierte Mitglied berichtet davon. Solche Erfahrungen gehen mit weniger Integration im Verein einher. In vielen Teams und Vereinen ist die Integration von MMH nur selten ein Thema. Zahlreiche Funktionär:innen in den Vereinen und Teams sind der Meinung, dass die Mitglieder mit Migrationshintergrund vollständig integriert sind oder wollen keine Ungleichbehandlung von Mitgliedern. Angesichts der hohen sozialen Integration aller Mitglieder in den Vereinen kann es als Vorteil des Fussballs gelten, dass MMH erfolgreich eingebunden werden, ohne dass dies explizit thematisiert wird. Dieser Ansatz läuft jedoch Gefahr, die verschiedenen Herausforderungen von MMH zu übersehen, etwa die bereits erwähnten Sprachbarrieren und Diskriminierungserfahrungen. Ausserdem verhindert dieser Ansatz, dass einseitige Anpassungserwartungen in den Vereinen reflektiert und wahrgenommene funktionale Vorteile der Einbindung von MMH – etwa die Gewinnung talentierter Spieler:innen oder motivierter Trainer:innen – noch stärker genutzt werden. Vereine, welche durch integrative Bemühungen auffallen, wurden oft im Zusammenhang mit der Fluchtwelle ab 2015 aktiv. Diese Vereine wurden von externen Akteuren – insbesondere sozialen Institutionen – kontaktiert und engagierte Funktionär:innen haben das Thema im Verein behandelt. Dies gilt auch für die Vereine, welche beim Projekt «Together – Fussball vereint» teilgenommen haben. Das Projekt hat dazu geführt, dass das Engagement für geflüchtete Menschen offizialisiert und vermehrt auf Vereinsebene kommuniziert wurde, während dem Einfluss auf die alltägliche integrative Praxis keine grosse Bedeutung zukam. Die engagierten Personen haben die geflüchteten Personen bei den ersten Schritten im Verein begleitet, haben organisiert, dass die Mitgliederbeiträge gedeckt werden und haben die Bemühungen gegenüber skeptischen Mitgliedern verteidigt. Viele Vereine erhofften sich von den Verbänden und den Behörden – in unterschiedlichen Formen – eine noch ausgeprägtere Anerkennung sowie finanzielle und inhaltliche Unterstützung für ihr soziales Engagement im Breitensport. Es bietet sich an, die Erkenntnisse der Studie über Ausbildungsangebote in die Vereine und in die Teams zu tragen. Den Trainer:innen kommt angesichts der hohen Bedeutung des Teams für die soziale Integration und ihrer Vorbildrolle im Umgang mit kultureller Vielfalt eine zentrale Rolle zu. Um den sozialen Aufgaben im Breitensport gerecht zu werden, macht es Sinn, soziale und interkulturelle Kompetenzen in der Grundausbildung von Trainer:innen zu fördern. Um eine Auseinandersetzung mit bestehenden Herausforderungen und die Nachhaltigkeit von integrativen Bemühungen in den Vereinen zu fördern, bietet es sich an, das Thema Integration in einem nationalen Label zu verankern. Finanzielle und personelle Unterstützung für soziale Bemühungen können Anreize bieten, dass Vereine sich zertifizieren lassen. Gleichzeitig könnten Vereine für den Besuch von Weiterbildungen im Bereich von sozialen und interkulturellen Kompetenzen verpflichtet werden. Interessierte und engagierte Funktionär:innen in den Vereinen bieten Anknüpfungspunkte für ein solches Label. Gleichzeitig können auch der Schweizerische Fussballverband und seine Regionalverbände in die Pflicht genommen werden. Angesichts der hohen Ziele im Bereich der Integration im Fussball sollte der Verband den Aufbau zusätzlicher Ressourcen im Bereich der Integration und Inklusion von MMH in Betracht ziehen. Damit kann der Verband als progressiver Akteur voranschreiten und seine Vereine in ihrem sozialen Engagement durch professionelle Strukturen auf Verbandsebene unterstützen.de700 - Arts::790 - Sports, games & entertainmentSoziale Integration in Schweizer Fussballvereinenreport10.48350/192817