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Leben mit dem tschechoslowakischen 'Modernisierungsprojekt' in der Podkarpatská Rus/Karpato-Ukraine, 1919-1939 (Arbeitstitel)

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Official URL
https://www.collegium-carolinum.de/fileadmin/Veranstaltungen/27_Zeller_Expose.pdf
Description
Als die westlichste Region der heutigen Ukraine nach dem Ende des Ersten
Weltkriegs von Ungarn abgetrennt und der Ersten Tschechoslowakischen Re-
publik (1918–1938) zugeteilt wurde, implementierte die Regierung in Prag
ein umfassendes Modernisierungsprojekt, um die bis dahin kaum bekannte
und von Armut geprägte Region in den gemeinsamen Staat zu integrieren. Ne-
ben dem Bau von Verkehrs- und Kommunikationsnetzen sowie der Errich-
tung neuer Bildungs- und Sozialeinrichtungen wurden Expert:innen aus der
Tschechoslowakei (ČSR) in die Region geschickt. Tausende Neusiedler:innen,
darunter zahlreiche Beamte, Geographen, Sozialarbeiterinnen, Polizisten,
Grenzwächter und Lehrerinnen, wurden in den folgenden zwei Dekaden in
den Karpatenraum beordert und beteiligten sich am infrastrukturellen «Auf-
bau» (budování) der Region, die fortan «Podkarpatská Rus» genannt wurde.
Dies bedeutete für die bis dahin zu Ungarn gehörende Bevölkerung einen Ein-
schnitt in alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Im Verlauf der
Zwischenkriegszeit hielt die Prager Regierung die vertraglich zugesicherte
(Teil-)Autonomie der Region nie vollständig ein und die sozioökonomische
Situation der Region blieb trotz eingeleiteter Schritte prekär. Somit kam es in
gewissen ukrainisch-nationalistischen Kreisen spätestens 1938/39 zu einer
Abwendung von Prag und die Idee eines eigenen Staatsprojekts, der «Kar-
pato-Ukraine», konnte im März 1939 für 27 Stunden umgesetzt werden, be-
vor die Region erneut von Ungarn übernommen wurde.
Das Dissertationsprojekt zielt darauf ab, das Zusammenleben der Akteure der
ČSR vor Ort und die Reaktionen der lokalen Bevölkerung der Podkarpatská
Rus/Karpato-Ukraine im Zeitraum von 1919 bis 1939 zu untersuchen. Der
Fokus liegt auf dem Zusammenleben und wird methodisch auf drei Ebenen
(Makro, Meso, Mikro) betrachtet, wobei Berufsgruppen als analytische Linse
dienen. Der Zugang über ausgewählte Berufsgruppen ermöglicht es, die Zwi-
schenkriegszeit gesamthaft zu betrachten und Kontinuitäten und Brüche der
Jahre der Staatswechsel und die Folgejahre 1919–1924 sowie 1938–1939
Colloquium Carolinum, 14. März 2025 — Exposé Nr. 27
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verdichtet herauszuarbeiten. Die Makro-Ebene nimmt die politischen Ziele
und die tschechoslowakischen Siedler:innen in den Blick, die von der Prager
Regierung in die «östlichste Region» geschickt wurden, um an der frontier
(Turner 1893) zu agieren. Die Meso-Ebene untersucht die alltäglichen Aus-
handlungsprozesse zwischen tschechoslowakischen Akteur:innen und der lo-
kalen Bevölkerung, beispielsweise in Berufsfeldern wie dem Schul-, Gesund-
heits- und Vereinswesen. Auf der Mikro-Ebene werden individuelle Biogra-
phien in Augenschein genommen, anhand derer sich die Dynamiken von Iden-
tifikations- und Zugehörigkeitsfragen entfalten.
Der theoretische Rahmen lehnt sich an verschiedene Ansätze an: Mit einer
postkolonialen Perspektive wird an Forschungen zu «Habsburg Postcolonial»
angeschlossen (Feichtinger, Prutsch, Csaky 2002) sowie an neuere tschechi-
sche Forschungsarbeiten (Herza 2023, Holubec 2014a, 2015b, 2016, 2022,
Baloun 2022) angeknüpft. Damit wird von einer klassischen Modernisie-
rungstheorie abgerückt, die von einem Modell der Anpassung und «Verwest-
lichung» der Welt ausgeht, um stattdessen mit Hilfe einer postkolonialen
Linse Einblicke in das koloniale Gefälle des tschechoslowakischen Moderni-
sierungsprojekts wie auch in die Dynamik grenzüberschreitender Austausch-
prozesse zu geben. Dabei soll das komplexe Geflecht von Handlungsspielräu-
men (agency) und spezifischen Aneignungsstrategien aufgezeigt und mit dem
Konzept der «Hybridisierung» (Bhabha 1994) als Negierung des «Container»-
Denkens in klar abgegrenzten Nationen, Völkern oder ethnischen Gruppen
gearbeitet werden (Purtschert, Falk 2012). Die Region galt in den Augen der
tschechoslowakischen Akteur:innen als «země bez jména» (Olbracht 1932),
als «Land ohne Namen», das erst durch seine Staatszugehörigkeit zur ČSR
eine eigene Bezeichnung erhielt. Aufgrund ihrer spärlichen Infrastruktur
wurde die Region als eine Art Leerraum stilisiert, den es mit dem tschecho-
slowakischen Modernisierungsprojekt zu füllen galt. Unweigerlich erschliesst
sich dadurch die Verknüpfung zwischen der postkolonialen Theorie und
Raumkonzepten. Das klassische Konzept der frontier (Turner 1893), das von
einer vermeintlich klaren Trennung zweier Kulturen ausgeht, wird durch das
dynamischere Konzept des third space (Bhabha 1994; Soja 1996) ergänzt, das
der vielfältigen Reaktionen und Strategien der lokalen Bevölkerung gerechter
wird. Die Region wird somit als Ort der «Hybridisierung» verstanden, wobei
«Hybridität» ein dialogischer Prozess ist, der keine hierarchische Ordnung
der Kulturen zulässt (Bhabha 1994). Immerhin entstanden in der Podkar-
patská Rus trotz des kolonialen Modernisierungsprojekts unerwartete Dyna-
miken und Zwischenräume, die kreative und egalitäre Sphären kulturellen
Wandels bildeten. Die Podkarpatská Rus wird demnach als hybrider Raum,
als Grenzbereich unterschiedlicher (kultureller) Zugehörigkeiten verstanden.
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Es handelt sich um einen Interaktionsraum zwischen den tschechoslowaki-
schen Akteur:innen und der lokalen Bevölkerung, der zwar von ethnischen,
sozialen und nationalen Grenzen geprägt ist, jedoch durch Aushandlungspro-
zesse ständig durchbrochen, vermischt und neu geformt wird.
Auf der Makro-Ebene wurde bereits der tschechoslowakische Expertenstab
mit Sitz in Prag (vgl. «Versicherheitlichung», Ramisch-Paul 2021) untersucht.
Der Fokus soll in dieser Arbeit auf die Expert:innen gerichtet werden, die von
der Regierung gezielt in die Region entsandt wurden und frontier-Berufe
übernahmen. Es gilt zu fragen, welchen Hintergrund diese Personen hatten
und ob sie als eine Gruppe von Tschechoslowak:innen betrachtet werden
können oder ob andere Zugehörigkeiten für ihr Selbstverständnis von grös-
serer Bedeutung waren (Brubaker 2004). Zugleich werden Berufsgruppen
der lokalen Bevölkerung analysiert, deren Lebensrealitäten sich durch die
neue staatliche Zugehörigkeit und den Zuzug von Tschechoslowak:innen ver-
änderten. Eine klassische frontier-Figur stellt der Grenz(finanz)wächter
(«Pohraniční finanční stráž») dar; zu seinen Aufgaben gehörte die Zollaufsicht,
gelegentlich aber auch Sicherheitsaufgaben an den Grenzen (Hubený 2023).
Hatten die Grenzwächter zuvor Erfahrungen als Beamte des Wiener Staats-
dienstes gesammelt, standen sie in der ihnen noch unbekannten Region vor
neuen administrativen, rechtlichen und sprachlichen Herausforderungen. Sie
verfügten in der Regel nicht über Kenntnisse der lokal verwendeten Sprachen
und mussten unter ungewohnten klimatischen Bedingungen auf Bergpässen
arbeiten. Während sie beruflich nur wenige soziale Kontakte pflegten, lebten
sie häufig mit ihren Familien in der Podkarpatská Rus. Auf der Meso-Ebene
werden Berufe untersucht, die für den tschechoslowakischen Staat oft eine
Pionierfunktion hatten, da sie in engem Kontakt mit der lokalen Bevölkerung
standen. Am Beispiel der Lehrerschaft lassen sich nicht nur Aushandlungs-
und Vermischungsprozesse, sondern auch Zäsuren aufzeigen. Eine solche war
die Entlassung der ungarischen Lehrer:innen aus der Region; sofern sie nicht
den Treueschwur auf die neue Republik leisteten, durften sie den Beruf nicht
weiter ausüben und wanderten meist nach Ungarn ab. Die Folge war eine
Neubesetzung des Lehrberufes, wobei ungarische Lehrkräfte überwiegend
durch tschechoslowakische ersetzt wurden. Eine berufliche Neuerfindung
der Zeit, die nach amerikanischem Vorbild in der Region Einzug hielt, war die
Berufsgruppe der «social worker» («sociální pracovnice»). Diese oft jungen
Frauen begannen ihre Arbeit in der Region u. a. unter der Mission des Tsche-
choslowakischen Roten Kreuzes. Obwohl die Begegnung der einheimischen
Bevölkerung mit diesen Frauen anfangs von Misstrauen geprägt war, konnte
im Laufe der Zeit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Lehrer:innen
und Krankenschwestern dienten als Pionier:innen einer staatlichen Mission,
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die soziale und kulturelle Dynamiken veränderte. Ihre Arbeit war ihrerseits
von (geschlechtsspezifischen) Diskursen geprägt (Scott 1988), die es auf der
Mikro-Ebene ebenso zu berücksichtigen gilt wie die Begegnungen zwischen
tschechoslowakischen und lokalen Frauen.
Zu untersuchen ist, ob es in der Zwischenkriegszeit zu einer zunehmenden
Durchlässigkeit der Grenzen in den Berufsgruppen kam. Für diese Annahme
spricht, dass vermehrt Russin:innen berufliche Positionen einnahmen, etwa
im Schulwesen und seltener auch in der Verwaltung, die noch in den 1920er
Jahren fast ausschliesslich von Tschechoslowak:innen besetzt waren. Auch
die Grenzen innerhalb der Bevölkerung wurden fluider, etwa durch Ehe-
schliessungen über ethnische, soziale, religiöse und sprachliche Grenzen hin-
weg. Die Betrachtung der Berufsgruppen und ihres Wandels ermöglicht es,
Kontinuitäten und Brüche in der Existenz der Podkarpatská Rus von 1919 bis
1939 nachzuzeichnen. Gleichzeitig sollen die klassischen Analysekategorien
wie Nationalität, Ethnizität und Religion, implizit race, die in der historischen
Forschung zur Region überwiegen (Magocsi 2015 u.a., Segal 2016), aufgebro-
chen und um weitere Analysekategorien wie gender, class, intersectionality
erweitert werden.
Dabei geht es nicht nur um die Grenzen innerhalb der Bevölkerung, sondern
notwendigerweise auch um die Veränderung der staatlichen Grenzen der Re-
gion. So soll nicht nur das infrastrukturelle Modernisierungsprojekt berück-
sichtigt werden, wie es aus der Sicht zeitgenössischer tschechoslowakischer
Akteur:innen oft die Oberhand gewinnt. Vielmehr soll auch die Abkoppelung
vom kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum Budapest (Švorc 2020) und
die Anbindung an den tschechoslowakischen Staat und Wirtschaftsmarkt re-
flektiert werden (Jelinek 2007). Es sollen weiter die Kehrseiten der sozialen
und wirtschaftlichen Integration in den tschechoslowakischen Staat beleuch-
tet werden. In der bisherigen Forschung wurden die Staatswechsel und Um-
bruchszeiten vor allem aus der Perspektive staatlicher Akteure betrachtet
(Rychlík/Rychlíková 2016). Diese Arbeit rückt die lokale Gemeinschaft als ei-
genständige Akteurin in den Mittelpunkt, die auf verschiedenen Ebenen – der
Makro-, Meso- und Mikroebene – in das Geschehen eingebunden wird. So
wird aufgezeigt, wie die Grenze zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei
nicht nur territorial, sondern auch sozial, kulturell und ökonomisch transfor-
miert wurde und wie durch Aushandlungsprozesse zwischen den tschecho-
slowakischen Akteur:innen und der lokalen Bevölkerung neue Lebensrealitä-
ten entstanden.
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Gesamtprojekt
Diese Dissertation entsteht als Teil des übergeordneten Gesamtprojektes
«Epizentrum des territorialen Revisionismus. Die Karpato-Ukraine unter
multiplem Grenz- und Staatenwechsel, 1914–1946». Das vom Schweizeri-
schen Nationalfonds (SNF) geförderte Projekt untersucht die Geschichte der
Karpato-Ukraine und ihrer polyethnischen Bevölkerung, deren Leben in den
Jahren 1914–1946 von multiplen Besatzungen, Grenz- und Staatenwechseln
gekennzeichnet war.
Laufzeit: September 2023–August 2027
Projektleitung: Prof. Dr. Julia Richers
Kontakt:
Berenika Zeller
Universität Bern
berenika.zeller@unibe.ch
Date of Publication
2025-03-14
Publication Type
Conference Item
Language(s)
de
Contributor(s)
Zeller, Berenikaorcid-logo
Institute of History, Modern, Contemporary and Eastern European History
Walter Benjamin Kolleg (WBKolleg)
Graduate School of the Arts and Humanities (GSAH)
Additional Credits
Institute of History, Modern, Contemporary and Eastern European History
Walter Benjamin Kolleg (WBKolleg)
Graduate School of the Arts and Humanities (GSAH)
Title of Event
Colloquium Carolinum: Forum für Tschechien- und Slowakeiforschung
Access(Rights)
metadata.only
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Build: dd892c [ 9.04. 8:30]
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