Bedecken, Verhüllen, Verschwinden. Verklärte Drastik in Dramen des 19. Jahrhunderts
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Das Drastische ist dem Dramatischen inhärent. Einerseits ist ein gegenwärtiges Voraugenstellen höchst wirksam, anderseits ist die wirksame Darstellung problematisch. Dramen sollen handlungstechnisch und visuell »durchschlagend« sein, aber nicht direkt Grausames und Abscheuliches zeigen. Der öffentlichen Schaulust preisgegeben, sollen sie den Regeln der »Wohlanständigkeit« gehorchen, die eine direkte Darstellung von Atrozitäten verbieten und damit die dramatische Gegenwärtigkeit brechen. Visuell besonders Wirksames muss medial distanziert werden, um vorzeigbar zu sein. Die Sehnsucht nach der theatralen Wirkmacht krasser Darstellungen, die Handlungen dynamisieren oder finalisieren, zeigt sich in der ausführlichen narrativen Vermittlung von Qual und Tod in barocken Märtyrerdramen und auch in den sich häufenden Leichen, die zunehmend nur noch unzureichend von Kulissen verdeckt werden. Innerhalb der medialen Brechung wird – oft rhetorisch – die normativ ver-ordnete Distanz soweit möglich verringert. Im 19. Jahrhundert etabliert sich dann aber eine Theatra-lität des Entzugs: Sterbende Protagonistinnen werden ostentativ den Blicken der Zuschauenden entzogen, sie werden bedeckt, verhüllt und verschwinden mit einem Sprung ins Wasser. Absenz und Verklärung werden zu den paradoxen Paradigmen theatraler Wirkmacht.
Date of Publication
2022-04
Publication Type
Conference Item
Language(s)
de
Title of Event
Access(Rights)
metadata.only