Sexuelle Gewalt in Bern um 1900. Praxis und Rechtsprechung
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Die Stadtregion Bern durchlief wie viele andere urbane Zentren in Europa um 1900 einen rasanten soziokulturellen Wandel. In wenigen Jahrzehnten veränderte sich das in vielen Bereichen noch durch frühneuzeitliche Strukturen geprägte Sozialgefüge zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Die Modernisierung hatte Auswirkungen auf das sexuelle Gewalthandeln. Aus quantitativer Sicht fällt auf, dass die Gerichtsfälle zum Delikt der Notzucht zwischen 1868 und 1941 im Amtsbezirk Bern stark zurückgingen. Die Abnahme der Fälle darf aber nicht unhinterfragt als Verringerung sexueller Gewalt in der Praxis gewertet werden. Obwohl ein effektiver Rückgang nicht grundsätzlich auszuschliessen ist, ermöglicht der genauere Blick in die Untersuchungsakten ein differenziertes Bild. Auffallend ist, dass sich mit den sozioökonomischen Umwälzungen tendenziell auch die Sozialprofile der mutmasslichen Opfer und Täter, die Handlungskontexte der Tat und die narrativen Strategien vor Gericht veränderten. Dies hatte wiederum Auswirkungen auf die Rechtsprechung, denn die Chance für einen Freispruch war tendenziell abhängig von diesen drei Faktoren. Der Rückgang der Notzuchtfälle hing deshalb möglicherweise damit zusammen, dass sexuelle Gewalt aufgrund des veränderten soziokulturellen Settings nicht seltener vorkam, sondern aufgrund der mangelnden Aussicht auf Verurteilung bloss weniger häufig angezeigt und untersucht wurde.
Date of Publication
2016-06-09
Publication Type
Conference Item
Subject(s)
Language(s)
de
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metadata.only