Die Türkei und ihre Politik der ‚strategischen Tiefe‘: Abkehr vom Westen, neuer Osmanismus oder nationale Großmachtphantasie?
Abstract
In Europa und Nordamerika rätseln viele über die Motive und Ausrichtung der ‚neuen’ außenpolitischen Strategie der Türkei, mit der ihr Außenminister Ahmet Davutoğlu den regionalen und internationalen Einfluss des NATO-Mitglieds und EU-Beitrittskandidaten erweitern will. In der türkischen Öffentlichkeit trifft das selbstbewusste Auftreten in den Außenbeziehungen auf viel Zustimmung, dennoch findet auch hier eine kritische Debatte über die Außenpolitik statt.
Plakative Aufschriften wie ‚neo-osmanisch’ oder ‚islamistisch’, mit denen Davutoğlus Politik der ‚strategischen Tiefe’ im In- und Ausland oft versehen wird, gehen jedoch am Kern seines sehr schablonenhaften und kulturalistischen geopolitischen Konzepts vorbei. Der führende außenpolitische Stratege der Türkei wandelt vielmehr auf den Pfaden eines populären türkischen Nationalismus, der sich (im Gegensatz zum kemalistischen Nationalismus) gleichermaßen auf Türkentum, Islam und die osmanische Vergangenheit beruft und sich in seinen nationalen Ambitionen tendenziell von der Welt verkannt fühlt. Davutoğlu modernisiert diese ideologische Basis jedoch hin zur Vision einer türkischen Großmacht, die durch eine konstruktive Politik in der eigenen Nachbarschaft und weltweit Respekt gewinnt und daraus ihren internationalen Einfluss zieht.
Damit wendet sich die Türkei keineswegs vom Westen ab, erweist sich allerdings mit ihrem demonstrativ zur Schau getragenen Machtbewusstsein als schwierigerer Partner als früher. Das Hauptproblem, mit dem die türkische Außenpolitik in Zukunft verstärkt konfrontiert sein dürfte, ist der in Davutoğlus Konzept angelegte Widerspruch zwischen pragmatischer Politik und Großmachtsanspruch. Hier wird sich noch zeigen müssen, wie die Türkei Bündniskooperation, EU-Beitrittswunsch und gute Nachbarschaftsbeziehungen mit dem Traum von nationaler Größe in Einklang bringen will.
Plakative Aufschriften wie ‚neo-osmanisch’ oder ‚islamistisch’, mit denen Davutoğlus Politik der ‚strategischen Tiefe’ im In- und Ausland oft versehen wird, gehen jedoch am Kern seines sehr schablonenhaften und kulturalistischen geopolitischen Konzepts vorbei. Der führende außenpolitische Stratege der Türkei wandelt vielmehr auf den Pfaden eines populären türkischen Nationalismus, der sich (im Gegensatz zum kemalistischen Nationalismus) gleichermaßen auf Türkentum, Islam und die osmanische Vergangenheit beruft und sich in seinen nationalen Ambitionen tendenziell von der Welt verkannt fühlt. Davutoğlu modernisiert diese ideologische Basis jedoch hin zur Vision einer türkischen Großmacht, die durch eine konstruktive Politik in der eigenen Nachbarschaft und weltweit Respekt gewinnt und daraus ihren internationalen Einfluss zieht.
Damit wendet sich die Türkei keineswegs vom Westen ab, erweist sich allerdings mit ihrem demonstrativ zur Schau getragenen Machtbewusstsein als schwierigerer Partner als früher. Das Hauptproblem, mit dem die türkische Außenpolitik in Zukunft verstärkt konfrontiert sein dürfte, ist der in Davutoğlus Konzept angelegte Widerspruch zwischen pragmatischer Politik und Großmachtsanspruch. Hier wird sich noch zeigen müssen, wie die Türkei Bündniskooperation, EU-Beitrittswunsch und gute Nachbarschaftsbeziehungen mit dem Traum von nationaler Größe in Einklang bringen will.
Date Issued
2011
Publication Type
Book Section
Language(s)
de
Editor(s)
Faath, Sigrid |
Publisher
Nomos-Verlag
Access(Rights)
metadata.only