'Diesseits oder drüben'. Archäologie und Lyrik vor und nach 1945. Marie Luise Kaschnitz - Guido Kaschnitz.
Description
Wie begegnen sich Lyrik und Archäologie? Das interdisziplinäre Dissertationsprojekt befasst sich mit den Wechselbeziehungen von Literatur und Altertumswissenschaft im 20. Jahrhundert. Dazu bieten die Werke der Autorin Marie Luise Kaschnitz (1901–1974) und des Archäologen Guido Kaschnitz-Weinberg (1890–1958) eine nahezu ideale Vergleichsanordnung.In meinem Projekt nähere ich mich der Konstellation von drei Seiten: Erstens wird die Denk- und Arbeitsgemeinschaft rekonstruiert, zweitens die Auseinandersetzung mit Kunst beleuchtet und drittens werden die Verfahrensweisen von Struktur und Prozess untersucht. Einen wesentlichen Teil meines Dissertationsprojekts bildet die Archivarbeit. Ich untersuche bisher unbekanntes Material aus den Nachlässen der beiden Autor*innen.Marie Luise Kaschnitz ist eine bedeutende Nachkriegslyrikerin, ihr Ehemann Guido Kaschnitz-Weinberg ein prominenter Vertreter der Strukturforschung, einer Richtung der Klassischen Archäologie. Ich gehe in meinem Dissertationsprojekt davon aus, dass sich die Lyrik von Marie Luise Kaschnitz nur erschliesst, wenn das archäologische Wissen und die altertumswissenschaftlichen Praktiken einbezogen werden. Denn das Ehepaar teilte eine gemeinsame Perspektive auf Kunst, die von der Literatur einerseits und von der Wissenschaft andererseits geprägt war. Zudem frage ich mich, wie sich lyrische und archäologische Vergangenheitsbezüge durch die Zäsur des Zweiten Weltkriegs verändern.Erstens befasse ich mich mit der Zusammenarbeit des Ehepaars. Kaschnitz und ihr Mann standen in stetigem fachlichem Austausch und unterstützten sich gegenseitig in ihrer Arbeit. Diese Konstellation fasse ich in meinem Projekt als Denk- und Arbeitsgemeinschaft und rekonstruiere sie anhand von Archivmaterialien, Briefen, Tagebüchern und autobiografischen Texten. Ich zeige zudem die bisher unbekannte Mitarbeit von Kaschnitz an der archäologischen Forschung ihres Ehemannes auf.Zweitens untersuche ich die Auseinandersetzung mit Kunst. Sowohl Marie Luise Kaschnitz’ literarische Texte als auch Guido Kaschnitz-Weinbergs wissenschaftliche Texte entstanden aus der Denk- und Arbeitsgemeinschaft. Weil Kunst in beiden Werken einen wichtigen Bezugspunkt bildet, frage ich danach, wie Kunst in den Texten beschrieben wird. Ich vergleiche die Gedichte von Marie Luise Kaschnitz mit den archäologischen Publikationen ihres Mannes, untersuche ihre gemeinsamen Strategien der Verlebendigung und arbeite die unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen heraus.Drittens verfolge ich die Rolle der Struktur und des Prozesses. Guido Kaschnitz-Weinberg arbeitete strukturiert und suchte in seiner archäologischen Forschung nach der Struktur der antiken Kunst. Marie Luise Kaschnitz’ Lyrik funktioniert hingegen als Prozess. Ich analysiere die Arbeits- und Schreibpraktiken des Ehepaars und zeige auf, wie sie gegenseitige Anregungen aufnehmen und wo die Texte unterschiedlich verfahren.Ein Schwerpunkt meines Dissertationsprojekts ist die Materialität der Texte und die Rekonstruktion von Arbeits- und Schreibpraktiken. Aus diesem Grund ist die Archivarbeit im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sowie in den Archiven des Deutschen Archäologischen Instituts, vor allem in Rom, ein essenzieller Bestandteil meiner Forschung.Mein Dissertationsprojekt trägt dazu bei, das Verhältnis von Literatur und Altertumswissenschaft besser zu verstehen, indem es diese Beziehung an einem konkreten Beispiel untersucht. Ich leiste mit meinem Dissertationsprojekt erstens einen Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Forschung zu Marie Luise Kaschnitz und befasse mich mit einem Desiderat, nämlich mit dem Zusammenhang zwischen Marie Luise Kaschnitz’ literarischen Texten und der archäologischen Strukturforschung ihres Ehemannes Guido Kaschnitz-Weinberg. Auch bei Guido Kaschnitz-Weinberg stellt die Poetik seines wissenschaftlichen Werks ein Desiderat dar, somit bringt die Dissertation zweitens die disziplingeschichtliche Forschung zur Strukturforschung weiter. Drittens geht das Projekt über die untersuchte exemplarische Konstellation hinaus und beschäftigt sich mit dem grösseren Kontext: der Nachkriegslyrik, der Intermedialität, dem Verhältnis von Literatur und Altertumswissenschaft und damit insgesamt mit der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Project Web Site
Primary Contact
Principal Investigator
Start Date
2023-03-01
Expected Completion Date
2026-09-30
Keyword(s)
Ekphrasis
•
Praxeologie
•
Materialität
•
Schreibszene
•
Interdisziplinarität